Mittwoch, 1. Mai 2013

Vienna Jazz drums

Da ich mir finanziell keinen echten Schlagzeuger leisten kann und will, experimentiere ich schon länger mit Drum-Libraries. Insbesondere mit BFD, das ich mir vor Jahren mal geleistet hatte. Mit den enthaltenen Drum-sets war ich nie so richtig glücklich und so investierte ich vor kurzem auch noch in ein Set eines Drittanbieters. Dieses Set von Platinum Samples brachte mich erstmal einen großen Schritt weiter. Jedem User von BFD kann man nur wärmstens empfehlen, sich dort mal umzuschauen. Ich habe mir das Rock Legends Quick Pack geholt, dass gerade mal 59 Euronen kostet, und stellte fest, dass die Platinum Samples an Klang und Detailreichtum alles in den Schatten stellen, was in BFD enthalten ist. Zusätzlich gibt es auch noch feine Mixer-Presets dazu.

Aber es geht noch besser. Bei BFD hat mich schon immer gestört, dass das Programm nicht genügend Artikulationen bereit stellt. Das können auch die tollen Samples von Platinum Samples leider nicht ändern. Wer schon mal versucht hat in einem Midi-Editor (bei mir ist das Logic 9) einen realistischen Snare-roll oder Flam zu programmieren, weiß, dass es quasi unmöglich ist zu einem guten Ergebnis zu kommen. Ich habe wirklich viel versucht: Unregelmäßige Velocity-Verläufe eingezeichnet, Akzente gesetzt, zusätzlich noch andere Controller gesetzt, leider alles vergeblich. Noch schlimmer klingt das bei Tom-Rolls oder Cymbal-Swells. Also muss man bei BFD mit Kompromissen leben, oder einfach auf Snare-Rolls und andere schöne Dinge verzichten.

Nun komme ich aus der Klassik und setze dort gerne die VSL Special Edition ein. Das ist ein wirklich ausgereiftes Produkt mit hervorragendem Klang. Und dort bei VSL entdeckte ich eines schönen Tages in der hintersten Ecke des Angebots die Vienna Jazz drums (Da VSL sonst nur im klassischen Bereich zu Hause ist, schämen sie sich vielleicht und haben die Jazz drums versteckt, um die Klassiker nicht zu erschrecken). Diese Jazz drums ließen mir keine Ruhe, weil ich mit den anderen Produkten von VSL so gute Erfahrungen gemacht hatte. Ich versuchte mir den Kauf aber noch auszureden: "Du willst Progressive Rock mit Double-bass machen, da wird ein Jazz Drumset bestimmt nicht passen". "Für 95 Euro kann das nicht so gut sein wie BFD".

Nachdem ich mir die Beschreibung der Vienna Jazz drums durchgelesen hatte, war ich aber noch neugieriger geworden, denn VSL verfolgt ein ganz anderes Sample-Konzept als BFD und Platinum Samples: Bei den gängigen Drum-Libraries wie BFD werden möglichst viele Velocity-Stufen für eine Artikulation gesampelt. Bei Platinum Samples können es bis zu 250 Velocity Stufen sein. Ich habe aber festgestellt, dass die leisesten Velocities sowieso nicht verwendbar sind, da sie in keinem Kontext hörbar sind. Andererseits klingt der Bereich, in dem sich der Drummer normalerweise bewegt (so ab Velocity 60 aufwärts) und der auch nutzbar ist, schnell trotzdem maschinell und gleichförmig. Dieser Effekt tritt besonders deutlich zu Tage, wenn man dann wie üblich die Snare und das ganze Set schön dick komprimiert. Dann klingen die ach so vielen Snare-Varianten auf einmal alle gleichermaßen nach Pappdeckel.

Doch nun wieder zu den findigen Österreichern: VSL wirbt bei Vienna Jazz drums nicht mit unglaublich vielen Velocity-Stufen. Tatsächlich sampelt VSL nur 5 oder 6 oder so. Im Vergleich zu den anderen Monster-Libraries klingt das erstmal lächerlich. Aber VSL sampelt die Trommeln über das ganze Fell hin bis zum Rand und nicht nur an einem Punkt. Und man kann dieses Wandern der Sticks über das Fell sogar per Modulation kontrollieren. Ist das innovativ, oder was?
Eine Snare klingt nun mal alle 2cm vollkommen anders. Und ein echter Drummer trifft auch nicht bei jedem Schlag dieselbe Stelle. Im Gegenteil: Ein echter Drummer variiert gekonnt die Stelle, wo der Stick aufrifft, um unterschiedliche Klänge zu erhalten. Bei den Mitbewerbern bekommt man nur entweder Hit oder Rimshot, aber nichts dazwischen.

Tatsächlich lassen sich so wesentlich lebendigere und realistischer klingende Drum-Grooves programmieren als mit den tonnenschweren Giga-Libraries der Mitbewerber. Lustigerweise scheint bisher niemand außer mir mit den Vienna drums zu arbeiten, denn ich konnte in den einschlägigen Foren nur über BFD, Superior Drummer, Steven Slate drums etc. nachlesen. Nichtmal ein ausführliches Review ließ sich finden.
Zusätzlich beinhaltet Vienna Jazz drums auch noch Rolls und Flams in verschiedenen Geschwindigkeiten. Auch die Integration in Logic gelingt mit dem Gratis Vienna-Player "Vienna Ensemble" weitaus eleganter als mit BFD. Die versprochenen "Multiple outputs" des fxpansion-Produkts konnte ich auch nach wochenlangem Experimentieren in Logic nicht finden.
Bei VSL Vienna Jazz drums hatte ich nach fünf Minuten alle Drum-Kanäle im Logic-Mixer.

Im Vergleich zu BFD 2 wirkt Vienna Jazz drums natürlich spartanisch: Nur ein drumset, nur ein Raumklang, keine Effekte, kein Overhead-Bus etc., einfach nichts außer einem (!) gut klingenden Drum-set. Aber dieses eine Set macht mehr Spaß als alle 20 sets, die ich inkl. der Platinum Samples mittlerweile in BFD habe.